Wie erkläre ich meiner Oma, wie wichtig (mir) mein Handy ist?

Pack doch mal das Ding weg!

Jeder hat ihn schon mal gehört, den Spruch über das „Ding“, auf das „die Jugendlichen“ den ganzen Tag starren und nichts mehr mitkriegen. Oma sagt es, Opa auch, die Tante, der Onkel und die eigenen Eltern. Je nach Semester auch die Lehrer, die Kollegen und der Chef. „Pack das Ding weg“ oder auch „Hör auf, mit dem Ding zu spielen“ tönt es im Chor.

Von der Handy-Haltung und ihren Gefahren

Ganz Unrecht haben sie ja nicht: Wohin man sieht, dominiert diese eine Haltung mit dem gebeugten Arm. War es vor wenigen Jahren noch Usus, das Handy in der Hand am Ohr zu haben, ist es heute vor dem Gesicht gelandet – Tendenz Richtung Mund, dank Whatsapp-Voice-Nachrichten. Ganz ungefährlich ist es auch nicht, wenn man mit dem „Ding“ vor Augen nicht sieht, wohin man läuft und entweder die Laterne oder andere Leute anrempelt. Richtig gefährlich wird es, wenn der „User“ – wie man den Typen, der das „Ding“ nutzt nennt – nicht auf Schusters Rappen, sondern auf Rädern unterwegs ist, während er auf den Bildschirm starrt. Nein, das ist nicht in Ordnung – das ist riskant!

Kritik mit Aufklärung begegnen

Trotzdem möchte man Oma, Opa, der Tante und dem Onkel, dem Lehrer oder Chef mal was sagen. Nur was? Dass man nicht spielt, sondern schließlich sinnvolle Dinge macht? Geht das überhaupt in die Köpfe von Nicht-Usern rein, dass man mit einem Telefon heutzutage alles macht, außer telefonieren? Wenn nicht, kann man das angesichts der Komik auch verstehen.
Also muss Aufklärung her: Das Ding ist also nicht nur – eigentlich fast gar nicht – zum Telefonieren da. Man kann morgens auf dem Klo seine Zeitung damit lesen, ohne Verrenkungen beim Umblättern und ohne heraus fallende Seiten und selbst im Dunkeln. Lediglich beim Abwischen gibt es einen Punktabzug. Die Pros mögen einige Herren der Schöpfung überzeugen, zumal es das Zeitungsabo auch als E-Paper gibt, für oft weniger Geld mit Extras. Früher meckerten die Frauen, wenn sie beim Frühstück gegen die Zeitung redeten, hinter der ihr Göttergatte viel Zeit verbrachte, sofern sie nicht schon vorher das Bad blockierten.

Das Ding taugt auch dazu, über das aktuelle Wetter Bescheid zu wissen, noch bevor man das Rollo hochgezogen hat. Viel wichtiger ist aber die Antwort auf die Frage, ob man im Laufe des Tages noch einen Schirm brauchen wird. Früher hätte man Radio gehört und sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, den ganzen Tag an diesem „Ding“ zu hocken.

Das „Ding“ war auch früher schon in der Kritik

Das „Ding“ gab es also damals auch schon. Radio, Telefon, Kino, Plattenspieler, Fernseher – und immer war es „die Jugend“, die viel zu viel Zeit mit diesem Ding verbrachte. Und immer war es die Jugend, die mit ihrer Nachfrage die Entwicklung voran trieb, bis hin zum Personalcomputer, der dank Internet schon lange alles kann. Das Handy eifert ihm nach und das einzige Ziel ist, kleiner zu sein – kompakt, handlich – handy. Im Englischen nennt man das Ding nicht Handy, sondern irgendetwas mit mobile. Zwar kann auch nur mobil sein, was einigermaßen kompakt und handlich ist, aber die englische Sprache bringt den Vorteil des Handys noch deutlicher zum Vorschein: Man ist mobil und kann immer und überall.

Immer und überall alles können

Was uns wieder zur Eingangssituation bringt: Überall kann gefährlich sein. Und was ist mit „immer“? Muss man überall immer das Handy nutzen? Oma & Co. werden das verneinen und wenn man damit argumentiert, ja nicht zu spielen, dann muss man sich auch die Frage gefallen lassen, was man denn dann gerade tut, zwischen Kaffee und Abendbrot auf dem Geburtstag in der Seniorenresidenz. Arbeiten etwa? Auf einem Sonntag inmitten der Familie? Und ist Mit-dem-Arbeitskollegen-lustige-Sprüche-schreiben wirklich Arbeit, nur weil das Wort darin vor kommt? Oder ist es ein Ersatz für Unterhaltung, weil man gar nicht mehr in der Lage ist, sich mit echten Menschen zu unterhalten und im Gespräch miteinander zu interagieren?

Handys kommen und gehen – Oma nicht

Was ist eigentlich schlimmer: Keinen Bock auf Omas Geburtstag zu haben und deshalb nicht hin zu gehen oder dort zu sitzen und sich mit dem Handy zu unterhalten? Eine Oma 2.0 wird es nicht geben und einen Opa reloaded auch nicht. Wenn dann am Grab mit dem „Ding“ Fotos vom Grabgesteck gemacht werden und die Angehörigen ihre Fotos von Oma und Omas Beerdigung per Whatsapp austauschen, dann ist das schon skurril. Und doch ist es selbstverständlich – wenn nicht heute, dann allerspätestens bei unserer eigenen Beerdigung. Möglicherweise wird es bis dahin selbstverständlich sein, diese live an alle Gruppenmitglieder der Familie bei Facebook zu streamen, damit auch sie daran teilhaben können. Oder es ist bis dahin üblich, so etwas öffentlich zu streamen und möglicherweise ist das dann der neue Job des Pastors und die Angehörigen gehen gar nicht mehr zur Bestattung, sondern verfolgen das Ganze am Bildschirm. Das klingt verstörend, nicht wahr? So sieht Oma die Welt heute schon.

Gemeinsamkeiten finden

Man kann den Alten erklären, warum man generell oft mit dem Handy interagiert – dass man den Nachrichten-Feed statt der Zeitung liest, eine E-Mail statt eines Briefes schreibt, eine SMS statt eines Telegramms verfasst und Whatsapp nutzt, statt der Telefonkonferenz und, dass man damit auch Videotelefonie mit dem Enkel in Australien machen kann oder auf Facebook und Twitter wenigstens ein wenig an seinem Leben in der Ferne teilhaben oder, dass man damit auch Zeitungen und Bücher lesen, Musik und Radio hören und Fernsehen und Kinofilme anschauen kann.
Vielleicht verstehen sie, dass dieses Ding viele Dinge ersetzt und vereinfacht und dass man dank Internet zeitlich unabhängig von Sendetermin, Öffnungszeiten und dem Postboten ist, also immer und überall kann und darum auch will, was man kann. Vielleicht bleibt es beim Verstehen, vielleicht beim Staunen, vielleicht wird auch Ehrfurcht draus und vielleicht sogar Begeisterung, sich selbst so ein Ding anzuschaffen. Vielleicht hat Oma bald mehr Follower, als man selbst und verbringt gefühlt eigentlich zu viel Zeit vor dem Screen. Vielleicht ist es aber auch die Chance, wieder Gemeinsamkeiten zu finden – Dinge, die beide interessieren und worüber man miteinander reden kann.

Sind wir respektlos, zwanghaft oder haben wir es einfach nur verlernt?

Denn es ist doch meistens nicht der fehlende Respekt, der zur falschen Zeit am falschen Ort das Handy zücken lässt. Menschen, denen es an Respekt fehlt, haben auch schon vorher zu laut Radio oder Fernsehen an gehabt und lautstark telefoniert. Das Handy ist nicht die Ursache, sondern nur ein neues Medium, das die Respektlosigkeit zum Vorschein bringt.
Es ist auch nicht der Zwang – niemand zwingt uns, ein Handy auch nur zu kaufen, geschweige denn, es immer und überall dabei und die Benachrichtigungen eingeschaltet zu haben. Man kann so vieles mit dem Handy tun – auch, es nach Feierabend ausschalten. Wenn Zwang im Spiel ist, dann ist er krankhaft und dann sind die eingangs zitierten Kritiken richtig und sollte man etwas dagegen tun.

Sofern man nicht zu den Respektlosen und den Zwanghaften gehört, ist es etwas ganz bestimmtes, das einem das Handy der Oma vorziehen lässt: Ein Mangel im Sozialverhalten. Man ist nicht asozial – das nun auch wieder nicht. Man hat aber verlernt, sich in andere Menschen hinein zu versetzen. Wenn man viel mit Fans und Followern zu tun hat, dann bleiben Mimik und Gestik, Pheromon und Intonation auf der Strecke. Auf der Tastatur bedeutet Großschreibung schreien, in Wirklichkeit ist es laut und fühlt sich ganz anders an, als der digitale SCHREI.

Der Evolution hinterher rennen

Technologischer Fortschritt, Globalisierung und Evolution gehören eng zusammen und das Zwischenmenschliche kommt immer kürzer. Oma versteht das nicht und wahrscheinlich wird sie es auch bis an ihr Lebensende nicht begreifen. Das Lebensende kann morgen schon sein – sollte man doch mal, bevor die Party zu Ende ist, sich mit ihr unterhalten, statt mit dem Handy?

MD

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