Wer hat Angst vorm Weihnachtsmarkt?

Die kleine Nichte freute sich: Am Nikolaustag geht es auf den Weihnachtsmarkt. Mit Oma und Opa, dem kleinen Cousin und seinen Eltern – den ganzen Vormittag lang. Ein Karussell nach dem anderen wurde ausprobiert, denn es war Familientag und da gab es alles zum halben Preis. Es gab Zuckerwatte, Brezeln, Mutzen, Eierpunsch (natürlich nur für die Erwachsenen), Fleischspieß und was zum Weihnachtsmarktbesuch halt üblich ist.

Dazu gehört inzwischen auch der obligatorische Rettungswagen mitten auf der Flaniermeile, der im Notfall als ambulantes Sanitätszentrum dienen, aber auch mit Blaulicht und Martinshorn ins nächste Krankenhaus fahren kann. Auch Polizeipräsenz gehört seit 09/11, spätestens aber seit dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz, mit zum weihnachtlichen Stadtbild. Wobei die Polizei sich inzwischen in Nicht-Präsenz übt, nur der aufmerksame Beobachter die aufmerksamen Beobachter überhaupt wahrnimmt. Bei nur einem Streifenwagen pro Zufahrt fühlt der sich der Verängstigte nicht sicher, der Sorglose hingegen nicht eingeschränkt.

Beton gegen Terroristen

Aber da sind ja noch die Betonklötzer, derer immer zwei miteinander verzahnt aufeinander gestapelt an jeder Stelle liegen, wo man theoretisch, wie in Berlin, mit einem Lkw in die Besuchermenge rasen könnte. Der Betonhersteller wirbt in grellen Farben für sich selbst. Bis solche Klötzer in der ganzen Stadt verteilt sind und der eigentliche Weihnachtsmarkt eröffnen kann, haben einige Leute an den erhöhten Sicherheitsvorkehrungen verdient. Ein positiver Nebeneffekt eines klar negativen Aspekts. Und wäre der nicht, wäre auch dieser Artikel nicht.

Anschläge? Hier doch nicht!

So normal, wie es für die Kinder an diesem Nikolaustag verlief, so normal verlief es auch für die Erwachsenen. Warum sollte auch gerade jemand gerade in einer der kleinsten Großstädte, die dazu noch im Nordosten Deutschlands liegt, einen Terroranschlag verüben? Das wäre doch viel zu unspektakulär und schnell wieder vergessen. Darauf gäbe es durchaus Antworten. So soll doch Medienberichten zufolge eine Anweisung existieren, weg von spektakulären Terroranschlägen zu kommen und stattdessen dort Anschläge zu verüben, wo es keiner erwartet, und wann und wie es keiner erwartet. Denn dann wäre niemand nirgends mehr sicher. Das wäre viel effektiver.

Aber die Angst flaniert mit

Wir brauchen uns da nichts vorzumachen: Wenn jemand mit einer Bombe im Rucksack auf den Weihnachtsmarkt geht, wird er höchstwahrscheinlich unerkannt bleiben. Führt man Restriktionen, wie Einlasskontrollen oder Taschenverbot ein, schürt man die Angst, die staatlicherseits eigentlich verhindert werden will. Polizei-Nicht-Präsenz macht Sinn. Ohnehin ist es ein schmaler Grat zwischen höchster Professionalität und verdammt viel Glück, einen Terroranschlag zu vereiteln. Rein theoretisch könnte sogar der Rettungswagen in der Mitte des Marktes in die Luft gehen – Hollywood-Filme lieferten schon seit jeher solcherlei „Ideen“. Oder jede Imbissbude – eben, weil man nicht jede Person kontrollieren und dauerhaft überwachen kann und sollte. Die Gefahr ist also real – das kann man den notorischen Panikmachern nicht absprechen.

Die Frage ist nur, wie wir damit umgehen. Wäre es nach der Mutter der kleinen Nichte gegangen, wäre für die Kleine der Weihnachtsmarkt schon länger kein Bestandteil ihrer Adventszeit mehr. Kaum zuhause, rief sie bei Oma an, um irgendwas zu fragen. Etwas familienorganisatorisches natürlich – und nebenbei, wie viel Polizei da war.

Ein Leben in Angst ist kein Leben

Gegen Mittag war es auf dem Weihnachtsmarkt so voll, dass es anstrengend wurde mit den Kindern an der Hand zu laufen. Die Leute waren in Weihnachtsstimmung – oder erstmal in Weihnachtsmarktstimmung – und von Sorge oder gar Angst keine Spur.

Wo kämen wir auch hin, wenn jeder Angst vor einen Weihnachtsmarkt-Besuch hätte? Denkt man nur weiter: Auch auf dem Bahnhof, im Zug oder in der Straßenbahn könnte ein Terrorist warten – sollen wir alle nicht mehr Bahn fahren? Parkplätze oder speziell Parkhäuser wären ja auch ein mögliches Ziel. Sollen wir alle kein Auto mehr fahren? Und Einkaufsstraßen und Einkaufscenter waren auch an verschiedenen Orten im Visier potenzieller Attentäter – sollen wir deshalb nicht mehr bummeln und shoppen gehen?

Sollen wir unsere Arbeit aufgeben, nur weil sich der Arbeitsplatz an einem potenziell terrorgefährdeten Ort befindet? Man stelle sich die Einkaufsstraßen der Großstädte vor, so ganz ohne Menschen, ohne Leben. Es wären leere Ruinenviertel, in denen jeder Schritt widerhallt. Sollen wir unsere Kinder nicht mehr in die KITA oder zur Schule schicken, weil es in fast jeder Einrichtung irgendwo ein Kind gibt, dessen Eltern oder Großeltern einen Migrationshintergrund haben und man uns Weis und Angst machen will, jeder von ihnen könne ein „Schläfer“ sein? Einmal abgesehen davon, dass es sowieso für unsere Kinder keine Arbeit und keine Zukunft geben würde, weil wir bis dahin mit unserer Angst unsere ganze Wirtschaft zerstört hätten.

Wenn wir Angst haben, haben sie ihr Ziel erreicht

Dann hätten die Terroristen ihr Ziel erreicht, Angst zu säen. Statt einer eingelebten Ordnung würde Anarchie herrschen, denn Angst ist eine Emotion und alles Leben würde nicht mehr dem Verstand, sondern der Emotion folgen. Wie wir es aus Diktaturen kennen, würde die Angst herrschen und sie würde immer größer sein, als die Vernunft. Denn Angst lässt sich leichter duplizieren als Vernunft, und sie lässt sich auch leichter einbläuen als Vernunft. Angstmachen geht einfach, Vernünftigmachen erkennt nicht mal die Rechtschreibprüfung.

Die Menschen würden ihr Heil bei denen suchen, die ihnen versprechen, aus dieser Angstspirale heraus zu kommen. Die derzeitige politische Entwicklung in Europa, die der in den 1930er Jahren sehr ähnlich ist – was uns eigentlich zu denken geben sollte – untermauert diese Annahme.

Ganz nebenbei lenkt es enorm von den eigentlich zu lösenden Problemen ab. Wenn man sich die ganze Zeit nur auf ein Thema konzentriert und aufgrund dieses einen Themas sich eine ganze politische Landschaft verändert, sodass man sich nach der Wahl auch noch auf die Folgen konzentrieren kann. Auch lange Koalitionsverhandlungen sind ein Stück Instabilität, und wenn Koalitionen nur entstehen, weil der Juniorpartner all das über Bord werfen muss, wofür er steht und womit er stark geworden ist, dann setzt sich die Instabilität hinter den Kulissen fort.

Jenseits von Gut und Böse

Soweit muss es nicht kommen. Wir sollten uns vor Augen führen, dass es Menschen gibt, die uns unseren Erfolg und Wohlstand neiden, die unsere Weltanschauung nicht akzeptieren und alles dafür tun würden, all das zu zerstören. Es geht nicht um „Gut“ und „Böse“ – wir waren auch nicht immer „die Guten“. Es geht auch nicht um „Besser“ oder „Schlechter“ – kein Mensch ist besser oder schlechter, aber seine Situation kann sehr wohl besser oder schlechter sein. Wir haben es in der Hand, anderen Menschen zu einem besseren Leben zu verhelfen, genauso wie wir zum Gegenteil fähig sind.

Terroristen glauben, sie müssten nur die Starken schwächen, um die Schwachen zu stärken, aber das hat (auch bei den vermeintlich „Guten“) noch nie funktioniert. Kein Gesellschaftssystem hat diese evolutionsferne Theorie überstanden. Ohne Pferd fährt die Kutsche nicht! Wer das Pferd vertreibt oder gar tötet, der muss die Kutsche eben selbst schieben. Am Ende bleibt also die Kutsche dort stehen, wo sie ist und keiner hat irgendetwas erreicht.

Keine Angst!

Das soll uns aber gerade nicht dazu veranlassen, uns zurückzulehnen. Denn bis zur Einsicht ist es ein langer Weg, vor allem ein verbrannter. Wenn wir wissen, was für uns auf dem Spiel steht – eben nicht nur unser hart erarbeiteter Erfolg und unser uns nicht zufliegender Wohlstand, sondern auch unsere persönliche Freiheit, so zu leben und zu denken, wie wir wollen und zu sagen und schreiben, was wir denken – dann werden wir auch bereit sein, für das uns über Generationen hinweg so selbstverständlich gewordene zu kämpfen. Dann werden wir nach jedem Fallen wieder aufstehen, uns den Dreck von der Kleidung klopfen und unbeirrt weitergehen, wie es unsere Eltern und Großeltern erhobenen Hauptes vor uns – und FÜR uns – getan haben.

Damit auch morgen noch Kinder sorglos mit ihren Eltern auf dem Weihnachtsmarkt in der belebten Einkaufsstraße ausgelassen mit dem Achterbahn und Karussell fahren, Enten angeln, mit dem Zug durchs Märchenland dampfen und haufenweise Zuckerwatte und Brezeln essen können.

-MD-

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