Totensonntag, Volkstrauertag – was ist das eigentlich?

Es ist wieder Totensonntag – der Tag der Erinnerung an die Verstorbenen, deren Gräber an diesem Tag von den Hinterbliebenen besucht werden. Das gehört einfach dazu, das macht man so und zwar schon immer.

Über den Ursprung und Sinn des Totensonntags

Schon immer? Die Ursprünge des Totensonntags gehen in der Tat bis ins Mittelalter zurück. Seit man das annus liturgus – das Kirchenjahr – festgelegt hat, gehören auch Lesungen am Ende des Kirchenjahres dazu. Das liturgische Jahr oder auch Herrenjahr beginnt mit der Vesper am Vorabend zum ersten Adventssonntag, in diesem Jahr also am 2. Dezember.

Der Totensonntag ist also der letzte Sonntag im Jahreskreis. Die Christen nennen ihn „Christkönigssonntag“, denn es wird ja die Ankunft des Königs der Welt Jesus Christus erwartet. Das Wort „Advent“ heißt nichts anderes, als „Ankunft“, wobei man es auch von „Erscheinung“ ableiten kann. Denn Weihnachten ist ja die Geburt – also Fleischwerdung – Christi. Auch der jüngere Begriff „Ewigkeitssonntag“ meint Jesus Christus, will aber zugleich auch an das ewige Leben erinnern.

Der Begriff Totensonntag und die Festlegung als gesetzlicher Feiertag erfolgten erst viel später. Man thematisierte den letzten Sonntag des Kirchenjahres mit der Erwartung, dass Christus wieder kommt und das Jüngste Gericht abhält und man dachte dabei durchaus an den Tod – den der Verstorbenen, aber auch dem eigenen.

Gesetzlicher Feiertag zuerst in Preußen

Am 24. April 1816 bestimmte König Friedrich Wilhelm III. von Preußen die Kabinettsorder, der am 25. November 1816 die Verordnung folgte, dass die evangelische Kirche in den preußischen Gebieten jeweils am letzten Sonntag des Kirchenjahres zum „allgemeinen Kirchenfest zur Erinnerung an die Verstorbenen“ machen soll. An diesem Tag wird in einem Gottesdienst namentlich aller Verstorbenen der jeweiligen Kirchgemeinden im scheidenden Kirchenjahr gedacht. Hinterbliebene nutzen diesen Tag dann ihrerseits jedes Jahr als Tag der Erinnerung und des Andenkens.
Warum dem Preußenkönig dieser Tag so wichtig war, darüber wird heute noch spekuliert. Man hatte gerade die Napoleonischen Kriege hinter sich und diese hatten das Gefüge ganz Europas verändert und Millionen Menschenleben gekostet.

Friedrich Wilhelm hatte aber auch vor sechs Jahren seine geliebte Frau, die berühmte Königin Luise von Preußen verloren. Die gebürtige Mecklenburgerin war mit 21 Jahren Königin geworden und schenkte dem König neun Kinder. Sie starb 1810 im jungen Alter von 34 Jahren. Auch, weil Preußen so bankrott war, sich nicht mal eine Kur für die Königin in Bad Pyrmont zu leisten. Den Totensonntag als ganz persönliche Erinnerung an den Verlust des geliebten Menschen als Feiertag einzuführen, wäre freilich der romantischte Grund, den der König gehabt haben könnte. Und er wäre ein schöner Anlass für uns und alle, die nach uns kommen, an diesem Tag ihrer Lieben zu gedenken.

Warum darf man vor dem Totensonntag nicht festlich schmücken?

Ammenmärchen sagen, dass man mit dem Weihnachtsschmuck erst nach dem Totensonntag beginnen darf, sonst sei man der Nächste. Wäre es so, würden unsere Städte und Dörfer inzwischen ganz schön leer sein. Ursprünglich – als der Weihnachtszyklus noch am 11. November begann und am 6. Januar endete – war die Adventszeit eine Fastenzeit, in der nicht getanzt und gefeiert werden durfte, nicht mal öffentliche Hochzeiten stattfinden durften. Dieser Geist wohnt dem Weihnachtsfest heute immer noch inne – die Weihnachtsgans kommt erst am ersten oder zweiten Weihnachtstag auf den Tisch und am Heiligen Abend gibt es nur Kartoffelsalat und Würstchen.

Es ist aber auch rein chronologisch falsch, den Adventsschmuck schon vor dem ersten Advent anzubringen, denn Totensonntag ist ja der letzte Sonntag im Kirchenjahr und erst der folgende Sonntag ist der erste Adventssonntag. Das allein ist der Grund, warum man genau genommen nicht vor dem Totensonntag schmücken sollte. Aber wer nimmt es schon so genau?

Was ist der Unterschied zwischen dem Volkstrauertag und dem Totensonntag?

Oftmals werden Volkstrauertag und Totensonntag verwechselt. Beides sind gesetzliche Feiertage und beides „stille Tage“, also mit gesetzlichen Einschränkungen, zum Beispiel bei den Ladenöffnungszeiten. Das ist übrigens auch der Grund, warum die Weihnachtsmärkte und Adventsmärkte am Totensonntag geschlossen sind. Würden sie nicht so früh starten, sondern sich am Kirchenjahr orientieren, müssten sie nicht einen Tag den Betrieb unterbrechen. Aber zwei Wochen früher zu beginnen heißt auch, zwei Wochen länger Geld zu verdienen, denn nach hinten hin ist eine Verlängerung uninteressant, werfen doch die ersten schon am 27. Dezember ihren Weihnachtsbaum raus.

Volkstrauertag erinnert an Opfer des 1. Weltkriegs

Der Volkstrauertag wurde ein ganzes Jahrhundert nach dem Totensonntag eingeführt, nämlich 1919, wobei er offiziell erstmals am 1. März 1925 begangen wurde. Anders, als beim Totensonntag ist hier der Anlass klar: Man gedachte den Gefallenen des 1. Weltkriegs. Gesetzlicher Feiertag wurde der Volkstrauertag in der Weimarer Republik nicht, weil man zum einen nicht wusste, ob für die Einführung gesetzlicher Feiertage das Reich oder die Länder zuständig sind, der Gesetzgebungsprozess auf Grund der politischen Instabilität des Landes stecken blieb und die Kirchen gegen das Datum waren. So hatte am Ende fast jedes Land seinen eigenen Volkstrauertag, bis die Nationalsozialisten ihm mit dem zweiten Fastensonntag einen festen Platz, mit der Umbenennung in „Heldengdenktag“ einen neuen Namen und mit der Heldenverehrung auch eine gänzlich andere Funktion gaben.

Nur ein Gedenktag ohne Hinweis auf den Inhalt

Erst in den 1950ern wurde der inzwischen wieder „Volkstrauertag“ genannte Feiertag an das Ende des Kirchenjahres geschoben, wo die Themen „Zeit“ und „Ewigkeit“ ihm theologisch näher sind. 1952 wurden die Gesetze über die Feiertage im Bund erlassen, der Volkstrauertag ist jedoch bis heute in keinem Bundesland ein gesetzlicher Feiertag, sondern ein zu schützender Tag. Nur Hessen nennt ihn überhaupt einen Gedenktag. Die neuen Bundesländer übernahmen 1990 in den Feiertagsgesetzen den Schutz dieses Tages und gingen ebenfalls nicht auf den Grund des Schutzes – also den Inhalt des Feiertages – ein. Im Deutschen Bundestag gibt es jedoch eine Gedenkstunde zum Volkstrauertag. Theodor Heuss führte 1952 das Sprechen des Totengedenkens durch den Bundespräsidenten ein und so ist es bis heute geblieben.

Auch andere Länder erinnern an die Opfer des 1. Weltkrieges

In Russland, der Ukraine und Weißrussland mit einem „Tag der Erinnerung und der Trauer“ (Russland), einem „Tag der Trauer und des Gedenkens an die Kriegstoten“ (Ukraine) oder ganz ausführlich einem „Tag des allgemeinen Gedenkens an die Opfer des Großen Vaterländischen Krieges (Weissrussland). Im britischen Commonwealth of Nations wurde der 11. November als „Remembrance Day“ oder „Armistice Day“ eingeführt, was daher rührt, dass am 11.11.1918 um 11:11 Uhr die Waffen schwiegen. Dieses Datum wird auch im Mutterland des Empires und in Kanada, Südafrika, Australien und Neuseeland begangen. In Belgien und Frankreich gedenkt man ebenfalls am 11. November dem Kriegsende, während man in Österreich an Allerheiligen den Toten der beiden Weltkriege gedenkt. Andere Länder, wie die Niederlande, gedenken eher der Befreiung und das auch eher bezogen auf den 2. Weltkrieg.

In der DDR gab es keinen Volkstrauertag

Für Ostdeutsche war der Volkstrauertag auf dem Kalender des Jahres 1990 erst einmal ein Novum, aber auch in der DDR wurde am zweiten Sonntag im September ein Gedenktag mit dem kurzen und bündigen Namen „Internationaler Gedenktag für die Opfer des faschistischen Terrors und Kampftag gegen Faschismus und imperialistischen Krieg“ begangen.
Den Totensonntag gibt es übrigens nur in Deutschland und der Schweiz. Andere Länder begehen dieses Gedenken an einem anderen Tag unter anderen Namen und mit anderem Inhalt.
Heute sind beide Feiertage – Volkstrauertag und Totensonntag – so selbstverständlich, dass nur weniger über sie nachdenken und noch weniger an ihnen gedenken.

MD

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