abgesang auf die werte

Ich biete die Hälfte – Abgesang auf den Verlust der Werte

Wann immer jemand einen kaum getragenen Anorak – sagen wir zum Neupreis 79,90 Euro – bei einem Versteigerungsportal einstellt, passiert garantiert folgendes: Irgendein Typ bietet die Hälfte. Unter Umgehung von Ebay-Gebühren und festgesetztem Preis. Man darf sicher sein: Der Typ würde seinen eigenen Anorak niemals für die Hälfte verscheuern, sondern gegebenenfalls selbst den Preis mit hochsteigern, um möglichst viel Geld herauszuschlagen.

Wann immer jemand einen nur wenig getragenen Daunenparka zum Festpreis bei Ebay einstellt und nicht umgehend verkauft, mischt sich Ebay selbst ein. Man schlägt Dir vor, das angeblich wertlose Ding in die Versteigerung einzustellen – am besten für 1 Euro. Ähnliche Jacken sind nämlich für 3,45 bis 12,18 verkauft worden. Halleluja. Doch so viel?! Ich biete die Hälfte!

Bücher wirft man am Besten gleich in den Papiercontainer. Tausende Taschenbücher sind für einen Cent bei Amazon zu haben. Man könnte auch gleich Klopapier daraus machen. Aber es gibt auch Fantasten, die ein und dasselbe Buch trotz 95 Alternativangeboten für einen Cent für 256,– Euro verkaufen wollen – als sogenanntes Sammlerstück. Ja mei, da legst Di nieder! Der Typ versteht was von Gewinnmaximierung. Aus dem wird mal was.

Manche Möchtegern-Paris Hilton trägt lieber eine gefälschte Gucci-Tasche „made in China“ als darauf zu verzichten, wie eine supersolvente Hotel-Millionärin auszusehen. Andere Käufer sind auf den Trichter gekommen, bei „Ich schrei vor Glück“ eine Luxus-Winterjacke von Bogner zu bestellen, diese eine Woche lang zu tragen und dann unter fadenscheinigen Gründen zurückzuschicken. Eindruck haben sie – wenigstens gefühlt – in der Klamotte trotzdem gemacht.

Immer öfter kauft man beim Ottoversand Kleidung, die verdächtig nach Weichspüler duftet. Da schreit man vor Glück. Ein beliebter Freizeitsport der Neuzeit ist es, dass man bei Primark oder Kik einen Billigpulli made in Bangladesh kauft und diesen nach einmaligem Tragen in den Kleidercontainer entsorgt. Wupp, weg isser. Nicht etwa, weil er kaputt wäre – was angesichts der minderen Qualität durchaus sein könnte – sondern weil man keinen Bock mehr darauf hat, ihn unter der ultrateuren Bogner-Daune zu tragen, die man nach sieben Tagen zurückschicken wird. Örks.

Wir haben die meisten unsere Werte spätestens mit dem Auftauchen von Versteigerungsportalen und sozialen Netzwerken am Tresen des Lebens abgegeben. Sogar die Würde des Menschen ist nicht mehr unantastbar. Wenn selbst die nichts mehr wert ist – was ist es dann? Ach ja, die Aktien derer, die an solchem Geschehen Millionen verdienen. Ich hätte gerne die Hälfte.

Moon

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