Eine philosophische Reise ins Autohaus

Wie der Kauf eines neuen Autos dazu anregte, über Gott und die Welt, Demografie und Politik nachzudenken. Und wie die Insassen dem Geheimnis des Erfolgs auf die Spur kamen.

Nachdem die Geschichte der Autoreparatur voller Kindheitserinnerungen zusammen mit dem Vater in der heimischen Garage kein Happy End hatte, begann die Suche nach einem neuen fahrbaren Untersatz. Typ und Marke waren schnell gefunden. Wenn ich bei Mobile.de, Autoscout oder der Metasuchmaschine 12Gebrauchtwagen.de das maximale Alter und die Bauart ausgewählt hatte, dann blieben nur der Renault Grand Scénic oder der Opel Meriva übrig. Einen Renault Grand Scénic mit Baujahr 2004 hatten wir bisher und das war das Objekt, an dem mein Vater scheiterte.
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Auto kaufen – Die Grande Dame hat ausgedient

Es war unser bestes Auto bisher – geräumig, komfortabel und für sein Baujahr der Zeit voraus. Immerhin war er ja auch Vorreiter der Vans. Aber wenn wir zurück blicken: Beim Kauf war er schon zehn Jahre alt und er hatte nicht viele Kilometer runter. Das änderte sich mit unserem Nutzungsverhalten und das nahm „Meggie“ uns übel. Zuerst waren es elektronische Spielereien, die versagten: Das Fenster hinten rechts schloss nicht ganz – das behob der Verkäufer auf Garantie. Als es wieder auftrat, legte mein Vater es lahm und dann blieb die Scheibe eben zu. Dasselbe wurde bald auch auf der anderen Seite nötig. Hingegen Stoßdämpfer, Spurstangen und Bremsseil konnte nur die Werkstatt reparieren und so waren die für den Kauf bezahlten – bzw. finanzierten – 4.000 Euro auch bald an Reparaturkosten erreicht. Nachdem nun mein Vater das defekte Gebläse und die ausgefallene Klimaanlage nicht mehr zum Laufen bekam und man sich morgens beim Scheibenwischen wieder wie im Trabi fühlte, und nachdem die Kalkulation für einen erneuten Werkstattbesuch auch wieder in den Tausender-Bereich ging, entstand also der Entschluss, ein neues Auto zu kaufen. Und nein, nicht wieder einen Renault Grand Scénic. So schön er auch ist – die schlechte Erfahrung belehrt einem doch des Besseren.

Interessante Preisunterschiede zwischen MV und Brandenburg

Bei der Autosuche fiel uns auf, dass der Opel Meriva zwar in Mecklenburg-Vorpommern auch zu haben ist, aber immer zu schlechteren Konditionen. Unser Budget lag bei 9.000 Euro, besser noch 1.000 weniger. Das günstigste Angebot, um unser Auto zu kaufen fanden wir in Brandenburg an der Havel. Natürlich wollten wir so weit nicht fahren und klapperten online erst einmal alle Opel-Händler unseres Bundeslandes ab. In der Preisklasse fanden wir ihn nur älter, als unsere Schmerzensgrenze 2014. Ab Baujahr 2014 hatten sie entweder mehr Kilometer runter oder waren teurer. Bestes Beispiel: Im Direktvergleich Brandenburg und Güstrow war der Brandenburger ein Jahr jünger, hatte zwar 20.000 km mehr runter, kostete aber ganze 1.000 Euro weniger.

Mein Bruder kannte diese Tatsache aus eigener Erfahrung und kommentierte nur: „Wir hier oben haben’s ja so dicke“. Mecklenburg-Vorpommern gilt als das ärmste Bundesland, aber in vielen Dingen auch als das teuerste. Wobei Zugezogene immer wieder Dinge finden, die hier billiger sind – nur eben nicht des Deutschen Liebling, auf das im Flächenland fast jeder angewiesen ist, sofern er nicht in Rostock, Schwerin, Neubrandenburg, Stralsund, Wismar oder Greifswald wohnt. Die Nachfrage bestimmt das Angebot.

Meggie geht, Merry kommt

Anfang Dezember war es dann so weit: Dank wunderbarem Service und guter Vernetzung stand unser Auto mit Zulassung und Wunschkennzeichen im Autohaus in Brandenburg bereit. Unsere Meggi begab sich also auf die letzte Fahrt – mit aufgeklebtem Ventilator auf dem Armaturenbrett, Sommerreifen im Kofferraum und zwei dick angezogenen Insassen, die trotzdem kalte Füße hallten.

Sprichwörtlich kalte Füße bereitete die eigenwillige Französin dann, als sie ihren Charme ablegte und vor sich her schimpfte. Links klapperte der Radkasten, rechts die Beifahrerscheibe und hinten die Spurstangen. Nach den Autobahnen wurden die Straßen immer enger, die Dörfer immer kleiner und wir fürchteten, dass die Grande Dame es gar nicht mehr bis auf den Hof schafft. Sie ließ uns zum Glück nicht im Stich und so fiel es nicht leicht, von ihr Abschied zu nehmen. Als der Opel dann so neben ihr stand, machte ich spontan ein Foto von Meggie und Merry.

Reise nach Brandenburg war Reise in die Vergangenheit

Für die Rückfahrt mit dem neuen Auto wählten wir eine andere Route. Das Navi führte uns durch die Innenstadt von Brandenburg und als wir dann endlich auf der Autobahn waren, die nach Norden nach Hause an die Ostsee führt, konnten wir nachdenken. Brandenburg ist eine schöne Stadt, wie jede andere auch, aber wir hatten mehr erwartet. Die Innenstadt wirkte auf uns recht trist, zwar sauber und schön saniert, aber irgendwie farblos. Hier und da ein Hingucker, aber nicht so die uns vertraute Aneinanderreihung von Sehenswürdigkeiten.

Auf der Hinfahrt entfiel uns manch ein „Oh Gott“ oder der Kommentar „tiefste DDR“. So viel grau, so viel Verfall hatten wir noch nie auf einem Haufen gesehen. Es war, als reisten wir in die Vergangenheit. Schlechte Straßen, graue Häuser, ganze Straßenzüge voller verlassener Häuser bis hin zu Ruinen und leeren LPGs. Keine Geschäfte, leere Gaststätten, nicht einmal ein Discounter begegnete uns. Bemitleidenswerte Kirchen, hoffnungslose Gutshäuser, verwahrloste Parks. Dazwischen sahen wir aber immer der Versuch, sein Dorf schön zu machen oder wenigstens sein Haus oder wenigstens seinen Vorgarten. Uns fiel auch auf, dass selbst die Autos hier überwiegend älteren Fabrikats sind.

Uns wurde klar, warum Merry so günstig war

Plötzlich wurde uns klar, warum unser Auto so preisgünstig war und warum auch viele andere gefundene Fahrzeuge hier günstiger zu haben sind, als bei uns. Die Leute hier können sich gar kein teureres Auto leisten. Die Kaufkraft ist gering, die Arbeitslosigkeit hoch. Daraus resultiert auch, dass die Städten und Gemeinden trotz Solidaritätszuschlag nicht genug Geld haben, um zu investieren und zu sanieren. Als Folge sterben die Dörfer und Kleinstädte immer weiter aus, während aber in den größeren Städten der Wohnraum teuer ist. Die Leute müssen also entweder eine kleine Wohnung nehmen und bei größerem Bedarf wieder umziehen oder in der Platte wohnen. Oder in den Westen gehen, der allgemein als golden angenommen wird. Dabei fehlt dort das Geld, das hier nicht reicht, sind vielerorts die Straßen schlechter, als im Osten der Republik, tropft es durch die Dächer der sanierungsbedürftigen Schulen und fehlt Geld für den Erhalt von Kindertagesstätten.

Oh, du schönes Land im Norden

Wieder in Mecklenburg-Vorpommern angekommen, veränderte sich auch allmählich das Bild der Landschaft. Je weiter man nach Norden kommt, umso ordentlicher wirken die Dörfer, selbst wenn sie sich in nun wirklich nicht exponierter Autobahnnähe befinden. Es gibt einen Unterschied zwischen der nördlichen Hälfte Mecklenburgs und der südlichen und es gibt auch einen Unterschied zwischen Mecklenburg und Vorpommern. Vom Ansehen her, von der Infrastruktur, der Soziologie und auch – als Folge davon und selbst wieder Ursache dessen – auf politischer Ebene.

Erfolg kommt von Menschenhand

Die Fahrt durch Brandenburg hat gezeigt, dass Wohlstandsunterschiede kein Ost-West-Problem und überhaupt kein geografisches Problem sind. Es gibt florierende Kleinstädte und solche, die vor sich her dümpeln und das in beiden der durchfahrenen Bundesländer. Selbst die Nähe zu Berlin – der Stadt Deutschlands schlechthin – ist kein Garant für Erfolg. Der wird immer noch von Menschen gemacht.

-MD-

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