Wie eine Autoreparatur in der heimischen Garage ein Stück Selbstfindung werden kann

Der Apfel fällt nicht weit vom Birnbaum

„Du bist schon genauso, wie dein Vater“, sagt meine Frau. Und das macht mich stolz, solange es nicht die Marotten, sondern die Fähigkeiten betrifft. Genauso stolz, wie das Beobachten des dreijährigen Sohnemanns, der in einigen Dingen seinem Vater – also mir – immer ähnlicher wird. Wenn er verzweifelt und mit sich aufbauender Wut dabei ist, eine Herausforderung zu lösen, dabei zwar schimpft, aber es doch immer wieder versucht. Und wenn er gerade aufzugeben scheint, um es dann im nächsten Moment anders zu versuchen. In dem Augenblick, wenn er es dann schafft und mit dieser Na-Geht-doch-Mine dreinblickt, dann sehe ich mich, meinen Vater und meinen Opa in einer Person.

Mein Ding sind Computer

Mein Vater hat mich nie weggeschickt, wenn er zu tun hatte. Als Automechaniker hatte er bei uns nach Feierabend stets irgendein fremdes Auto in der Garage. Sofern keine Gefahr bestand, durfte ich zusehen und sogar helfen. Er hat mir viel erklärt, vielleicht in der Hoffnung, dass ich mir das merke. Aber Autos interessierten mich kein Stück.

Technik war erst ab dem Tag für mich interessant, als mein Cousin seinen alten C64 ausrangierte, weil er sich einen Amiga 500 gekauft hatte. Das steigerte mein Interesse gewaltig und exponentiell mit jedem weiteren ausrangierten Computer. Ab dem ersten Pentium gab ich mein eigenes Taschengeld für PCs aus.

Meine Eltern können bis heute keinen Computer bedienen. Ich kann bis heute keine Autos reparieren. Das ist die Wahrheit.

Meines Vaters Ding sind Autos

Also landet auch mein Auto in Vaters Garage. Für jemanden, der vor der Wende Trabis und Barkasse repariert und neu aufgebaut hat, war mein erstes Auto – ein Citroen Visa – vertrautes Terrain. Mein zweites, vorher sein Auto, war ein Honda Civic, sodass er sich mit dem Wagen auskannte. Der nächste Honda Civic war nicht viel anders, also blieb er damit vertraut. Als ich nun vor drei Jahren mit einem Renault Grand Scenic ankam, sah ich pures Entsetzen in seinen Augen: Neuland. Elektronik. Alles automatisch, alles geclippt, alles Plastik. Nix mehr mit Reparatur á la Kuhfuß.
Ich hätte wissen müssen, dass es Probleme gibt, wenn hier mal etwas kaputt gehen würde. Hätte ich das geahnt, hätte ich vielleicht doch lieber den Opel Meriva A daneben für 900 Euro mehr genommen. Was hätte ich dann aber verpasst? Hätte, hätte…

His garage is his castle

Mutti sagt, „Vater hilft gern“. Sie sagt, er muss gebraucht werden. Im nächsten Atemzug sagt sie aber auch, dass er sich dringend schonen muss, weil er nicht mehr so kann. Vor ein paar Jahren wurde bei ihm Krebs diagnostiziert. Er bekam Bestrahlungen und eine Chemotherapie. Vielleicht, weil er sich nicht auf die Krankheit einließ, sondern sie einfach ignorierte, war danach und bis jetzt alles gut. Dass er mittags schlafen muss und viele Leute um sich herum nicht mehr so gut leiden kann, mag eine Folge sein oder einfach am Alter liegen. Ich wünschte, ich hätte manchmal den Mut, mir unfeine Menschen schlicht vom Leib zu halten.

Als Rentner führt man ein ruhigeres Leben. Wenn dann Trubel reinbricht, ist das eine wahre Ausnahmesituation. Mit zwei Söhnen und drei Enkeln sowie den „Großen“ ist bei uns fast jedes Wochenende so eine Ausnahmesituation. Aber da gibt es ja die Garage und dort gibt es immer etwas zu tun. Heimlich, still und leise verschwindet er dorthin, fummelt hier ein bisschen, baut dort an etwas herum. Die Garage ist Vaters Ruhezone. Man kann im Notfall immer noch das Werkzeug umsortieren, die Grube verlängern, damit auch längere Autos draufpassen oder von mir aus den Türsturz erhöhen, damit endlich auch höhere Autos hindurch passen.

Nachdem er all das getan hatte (ohne die Maßnahmen hätte mein Auto nie in die Garage gepasst), war die Karre der Meinung, die Brauchbarkeit der Neuerungen gleich mal ausprobieren zu müssen. Es gab vorher schon einige Versuche, aber defekte Fensterheber, kaputte Sicherungen und dergleichen ließen sich auch vor der Tür reparieren. Nun jedoch war es Herbst. Es war kalt und nass, das Auto hatte Wasser gesammelt, das irgendwo bei Kurvenfahrten plätscherte und mit einem Gluckern den Gebläsemotor zerstörte. Diese Reparaturen fanden also in der neu gestalteten Garage statt.

Reise in die Vergangenheit

Dort, wo früher ein Trabi auf der Seite lag, damit man ihn zum Beispiel von unten schweißen kann, steht inzwischen eine Werkbank. Die alten Eisenschränke, die bei einem Karosseriebau-Betrieb rausgeflogen waren, stehen heute ebenfalls in der Garage. Auf ihnen prangen noch die alten Aufkleber: Werbung für Udo Lindenberg und diverse abgehalfterte Stars oder heimische Radiosender. Aus den Schränken haben wir als Lausbuben für unseren Höhlenbau Nägel gemopst, oder Kupferdraht für die CB-Funk-Antenne, oder meterweise Schnur. Übrigens das ultimative Verbindungsmittel, Gaffa-Tape hin oder her.

Während wir also am Renault schraubten und ich wie früher meinem Vater brachte, was er verlangte und während ich mich über seine Fähigkeit wunderte, immer genau zu wissen und beschreiben zu können, wo was liegt, selbst wenn es am ganz anderen Ende der Garage hinter mehreren Sachen versteckt ist, schwelgte ich in alten Erinnerungen.

Selbstfindung auf dem Beifahrersitz – Das Auto als Beziehungskiste

Ich beobachtete, im eigenen Auto auf dem Beifahrersitz sitzend, meinen Vater. Ich sah in ihm mich und meinen Sohn und dachte darüber nach, wie unfassbar schön es doch ist, dass das blöde Auto uns diese gemeinsamen Stunden beschert hat. Von selbst kommt man ja nicht darauf, einfach mal ein paar Stunden mit den Lieben zu verbringen, ohne dabei entweder über Arbeit oder Ärgernisse zu reden oder auf irgend einen großen bzw. kleinen Bildschirm zu starren.

Wie schnell alles vorbei sein kann, haben wir gerade erst in der Familie gesehen. Meine Schwiegermutter hatte auch Krebs, aber nicht so viel Glück und Zeit.

Das Auto konnten wir nicht mehr reparieren. Unser nächstes wird wohl ein Opel Meriva werden und hoffentlich nicht so zickig sein, wie „Meggie“.
Die schönen Erinnerungen bleiben. Ich werde jetzt öfter mal „technische Probleme“ haben, die ich (vorgeblich) nicht allein lösen kann.

Ich bin stolz auf meinen Vater.

-MD-

Anzeige:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*